Über Gesichtsakrobaten und Wortjongleure

Wenn aus dem Kino 1, dem Theater 3, schallendes Gelächter ertönt, ist wieder Zeit für die Kabarett-Bundesliga. Der 2. Spieltag am Samstag, 10. Dezember 2016, bringt sowohl das Künstler-Duo Korff/Ludewig (Bastian Korff und Florian Ludewig) aus Offenbach als auch den griechischstämmigen Lehrer und Slam Poet Nektarios Vlachopoulos nach Goslar. Cineplex-Geschäftsführer Florian Wildmann führt durch den Abend. “Es hat mich eine Flasche Ouzo gekostet, bis ich den Namen Vlachopoulos aussprechen konnte”, gab er mit einem Augenzwinkern zu. Beide Künstler haben wie gewohnt 45 Minuten Zeit, um das Publikum von sich zu überzeugen.

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Gespannt warten die Kabarett-Fans auf einen unterhaltsamen Abend.

 

Den Auftakt macht das Künstler-Duo Korff/Ludewig. Entspannt sind die beiden Offenbacher angereist und konnten einen Bummel über den Goslarer Weihnachtsmarkt genießen. Wenn es mal nicht so schnell vorangeht, hat Bastian Korff einen Tipp: “Sucht euch immer eine resolute Familie mit kleinen Kindern. Die schlängeln sich überall durch.” Mit schlagfertigen Pointen, verrückten Songs und Anekdoten, die mitten aus dem Leben kommen, zieht das ungleiche Duo viele Lacher auf ihre Seite. Der kleine Florian am Piano und Bastian im schaurig-flippigen Schlangenmuster-Anzug, fast so glamourös wie eine Diva, sind in jedem Fall eine Erscheinung für sich. Bastian verarbeitet im Lied “Keiner mag Cornelia” eine besonders schlechte Party in den Neunzigern, auf der er der einzige Gast war. “Ich hätte gedacht, der Abend wird nicht bunter – da kommen noch die Eltern runter…”

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Florian Ludewig (li.) am Piano und Bastian Korff (re.) mit äußerst auffälliger Erscheinung.

 

Nach intimen Geheimnissen über Künstler, die sich Fruchtsaft ins Glas kippen und daraufhin immer betrunkener werden, kommt Bastian von der selbsternannten Rotbäckchenfraktion zur Geschichte von Korff und Ludewig. Die Beiden haben sich auf einer Weihnachtsfeier der Urologen kennengelernt (“Die können richtig feiern!”). “Florian war etwas angeschlagen und hatte sich den Arm gebrochen. Aber nicht auf so coole Art wie andere Jungs, sondern er hatte nachts Hunger”, erklärt Bastian belustigt. Florian, der Veganer, wollte einen Sojajoghurt essen, sprang aus dem Bett, rannte in die Küche und stolperte über die offene Spülmaschinenklappe. Autsch! Schwarzer Humor, gepaart mit Ironie und einer Prise Schadenfreude – das ist genau Bastians Ding. Den Goslarern rät er, bei Langeweile mal in einen Biomarkt zu gehen und einem “typischen Dinkelpärchen ‘ne ordentliche SB-Wurst zuzuschieben”. An der Kasse wäre das dann ein riesiger Spaß.

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Paradiesvogel mit Stimmorgan: Bastian Korff galoppiert auch mal gern als Einhorn durch die Wohnung. “Es gibt nichts Befreienderes”.

 

Kokett nimmt er alle Veganer auf die Schippe und singt in einem Song über Inken, die sich zum Zeitvertreib gerne ihr Achselhaar kämmt. “Inken, Inken, Inken, Inken, man kann auch trotz Kristalldeo stinken…” Die Sache mit dem Alter nimmt der Offenbacher ganz gelassen. “Wenn man aus dem Alter raus ist, in dem man sich fortpflanzen kann, ist man nur noch Biomüll. Aber kompostierbar!”. Für den grummeligen Herrn Schönheit vom Pflandflaschenautomat haben Bastian und Florian auch ein Lied übrig. Obwohl dem Herrn jeder Pfandbon weh tut, solle er sich aus Pfandflaschen einfach ein Bällebad machen. “Denn im Supermarkt des Lebens kannst auch du ein Einhorn sein”, singt Bastian mit Ukulele in der Hand und plüschiger Einhornmütze auf dem Kopf. Schon bald muss das Einhorn jedoch einer Stoffpuppe weichen. Bastian besingt die mutige Heldin “Veganella”, die ohne Gnade gegen Feindin “Frikadella” kämpft. “Sie isst ihren Kohl im Morgenrot. Dann steht sie auf und pupst ihren Gegner tot.”

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Florian Ludewig kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Der Veganer ist die Zielscheibe des Sarkasmus’ seines Kabarett-Partners.

 

Wie bei vielen Bühnenshows haben die Leute in den ersten Reihen immer besonders viel Glück (oder Pech). Beim letzten Song zum Abschluss der 45-minütigen Performance, geben Bastian und Florian noch mal so richtig Gas. “Wir haben immer unsere mobile Disco dabei”, sagt Bastian stolz und reicht einem Gast direkt eine kleine schillernde Discokugel an einem Plastikstab. Ein anderer Gast bekommt direkt eine Dose mit Sprühnebel, die er betätigen soll, wenn die Stimmung des Songs besonders emotional ist. “Aber nicht zuviel sprühen. Das war teuer!”, warnt der Entertainer. “Ich reich’ das hier mal rum, aber immer schön hochhalten. Ja genauso. Höher!”

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Bastian prüft kritisch die Nebelentwicklung im Saal.

 

Nach einer 15-minütigen Pause betritt Nektarios Vlachopoulos die Bühne, nimmt sich das Mikro und kommt eher unauffällig daher. “Sehr schön, dass man angekündigt wird und das Publikum schon vorher beim Namen lacht.” Er erzählt zu Beginn von seiner Entscheidungsschwäche und plaudert aus dem Nähkästchen, dass er schwierige Entscheidungen mit Solitär am PC löse. “Wenn ihr euch auch nicht entscheiden könnt, ist folgender Text gut für euch geeignet: Brot… Oder Spiele”. Schnell wird die Richtung klar, die er an diesem Abend im Goslarer Theater einschlägt. Der Wortkünstler trägt seine Texte in einer Geschwindigkeit vor, die jeden Gast zum konzentrierten Zuhören zwingt. Ohne Versprecher erzählt er flüssig von seiner Kindheit, –  “damals mit Eastpak auf dem Rücken und ForYou am Bauch… Und cool war ich trotzdem nicht” – die direkt an der Grenze zwischen Baden und dem Schwabenland stattfand. “Der Gaza-Streifen ist dagegen ein Kindergarten.”

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Mit seinen wortstarken Texten verblüfft der mehrfach ausgezeichnete Slam Poet das Publikum.

 

Nektarios sinniert über seine Zeit als Schüler – bis er dann schließlich die Seiten wechselte und Lehrer wurde. “Vielleicht sind die Schüler schlauer als ich. Zumindest haben sie jetzt mehr Apps.” Für ihn ist es komisch, Lehrer zu sein. Seine Schüler sehen ihn im Fitnessstudio, wie er unter der Hantel keine Luft mehr bekommt und sprechen ihn vor versammelter Klasse darauf an. Wenn man es als Lehrer schon nicht leicht hat, ist es als Single genauso schwer. Der “badische Schwabe” hat jedoch auch dagegen ein paar Tipps. “Geh’ mal mit einem Stück Gouda in die Bar und setz’ dich an den Tresen. Wenn du gefragt wirst, warum du einen Käse dabei hast, sagst du ‘Den hab ich für meine Mausefalle dabei. Und du bist reingetappt.'”. Ähnliches gelte für einen Abacus: “Ich wollte meine Chancen bei dir ausrechnen.” Daraufhin ertönt ein belustigtes Seufzen aus dem Publikum. “Oder: Ich will ‘ne Nummer schieben!” Das Publikum gröhlt vor Lachen.

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Handzeichen geben kann er auch als Lehrer noch sehr gut…

 

In wechselndem Tempo zwischen rasender Geschwindigkeit und bedächtiger Vortragsweise, spinnt er den Faden zurück in seine Kindheit. “Meine Eltern haben sich früher schon Sorgen um meine sexuelle Orientierung gemacht, als ich Stunden vor dem Schminkspiegel meines Vaters verbracht habe.” Bald darauf entdeckte er die Liebe zu einem Mann. “Ich liebte mich und verbrachte Zeit mit mir. Konnte ich mir mein ganzes Leben mit mir vorstellen? Ich wagte den Sprung ins kalte Wasser und stellte mich meinen Eltern vor.” Nach einer emotionalen Liebeslied-Zeitreise in atemberaubenden Tempo durch die Zeiten des Barocks, des Mittelalters und der Zeit von Sturm und Drang, kam er zu seinem persönlichen Höhepunkt der Lyrik, den Tiergedichten. “Es war einmal ‘ne Katze. Die hatte eine Tatze. Das Blöde dabei: Ihr fehlten drei.” “Es war einmal ein Wiesel. Das trank einen Liter Diesel. Da zerriss es den Schlawiner. Es war halt ein Benziner.”

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Immer konzentriert bei der Sache: Nektarios verblüffte und belustigte das Publikum zugleich.

 

Nach den Auftritten der beiden so unterschiedlichen Künstler füllen die Gäste ihre Stimmzettel aus. Während die Jury der Kabarett-Bundesliga die Punkte zusammenrechnet, begeistern Korff/Ludewig in einer Zugabe mit kraftvollem Gesang des sonst eher schrillen Künstlers und Nektarios Vlachopoulos holt bei seiner Zugabe noch schnell alle Kunst des Slam Poetry raus. Am Ende hat der griechische Lehrer das Rennen gemacht und sich mit 5,66 Punkten gegenüber dem Künstler-Duo Korff/Ludewig (4,34 Punkte) durchgesetzt.

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Jury und Künstler haben Spaß – der ist schließlich auch das Wichtigste!

 

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Keine Konkurrenten, sondern Kollegen. Korff/Ludewig (li.) und Nektarios Vlachopoulos (re.) danken den Goslarern für den tollen und stimmungsvollen Abend.

 

Wir freuen uns auf den 3. Spieltag der Kabarett-Bundesliga: Am Freitag, 27. Januar 2017, begrüßen wir Benjamin Eisenberg und Robert Alan.

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