“Ich hatte kein Leben mehr” – Eva Wiedemann ist Opfer Häuslicher Gewalt – ein Vortrag im Goslarer Theater

“Eins, zwei, drei… vier”, zählt Eva Wiedemann die Frauen im Publikum durch. “Ich stehe hier für jede vierte Frau.” Jede vierte Frau ist ein Opfer Häuslicher Gewalt. Alarmierend und erschreckend zugleich. Eva Wiedemann ist nicht als Schauspielerin hier, sondern als Opfer schrecklicher Taten, als Leidtragende des Systems, als Mensch, der einfach nur ein normales Leben führen will.

Im Rahmen der Opferschutzwoche besuchte die Schauspielerin am Donnerstagnachmittag, 22. Februar 2018, das Goslarer Theater. In Kooperation mit der Polizeiinspektion Goslar, dem Cineplex Goslar und dem Goslarer Netzwerk gegen Häusliche Gewalt und des Weißen Rings, erzählte Wiedemann über ihre eigenen schockierenden Erfahrungen mit dem Thema. Ein Thema, bei dem die Dunkelziffer der Opfer weitaus höher ist. Ein Thema, das immer noch zu sehr tot geschwiegen und teils verharmlost wird.

Harmlos ist dieses Thema ganz und gar nicht – im Gegenteil. Lange habe ich, die Schreiberin dieses Blogs, überlegt, welche Form des Berichts dem gestrigen Vortrag gerecht wird. Ich gehe normalerweise mit einem Lächeln aus dem Kinosaal, aber gestern machte ich mich bedrückt auf den Heimweg durch die Innenstadt, heimlich alle entgegenkommenden Frauen zählend. “Eins, zwei, drei… vier.” Die offenen Worte haben mich nachdenklich gestimmt. Sie haben ein Gefühl Beklemmtheit, diesen bekannten Kloß im Hals, hinterlassen. Zum ersten Mal fällt mir das Schreiben schwer, wo ich doch so viele Worte darüber zu verlieren habe…

 

 

“Ich bin nur eine von viel zu vielen”, erklärt Eva Wiedemann mit zittriger Stimme. Auf ihrem Redepult steht ein Glas Wasser, um den Kloß im Hals, der bei ihr noch viel größer ist, herunterzuspülen. In das Taschentuch vor ihr muss sie während des 90minütigen Erfahrungsberichts mehrmals hineinschnäuzen – zu sehr kommen die Emotionen an das Erlebte wieder hoch. Wiedemann hat ihren zukünftigen Peiniger 2013 in einer Disco kennengelernt. Er beobachtete, wie sie von einem Mann angemacht wird, geht dazwischen und stellt sich als ihr Beschützer dar. Während in den ersten vier Wochen die Verliebtheit siegt, fängt er bald an, ihr den Kontakt zur Familie und zu Freunden zu verbieten und über ihre Kleidung zu bestimmen. Er beginnt, sie zu beschimpfen, droht, sie und sich umzubringen, hält sie an den Haaren über das Balkongitter im fünften Stock und entlockt ihr so das Versprechen, dass sie für immer ihm gehören würde. Nachdem sie sich von ihm trennt, lockt er sie unter einem Vorwand in eine Tiefgarage und schlägt 45 Minuten auf sie ein. “Ich dachte, ich würde sterben. Ich wünschte, ich wäre gestorben.” In letzter Minute gelingt ihr die Flucht. Wiedemann wird ins Krankenhaus eingeliefert. Der Täter hat ihr das Brustbein gebrochen.

Bis es zu Gerichtsverhandlungen kommt, vergehen Monate. Das Nachstellen und Stalking hören nicht auf. Ständig und überall lauert er ihr auf – trotz Job- und Wohnungswechsel macht er Wiedemann ausfindig. Die Kölner Polizei unternimmt nichts. Fortlaufend wechselnde Beamte machen es Wiedemann immer schwerer an Gerechtigkeit zu glauben. “Ich möchte mein Leben zurück. Ich möchte das, was den meisten von Ihnen völlig normal vorkommt.” Der Täter ist sich der Gesetzeslücken bewusst. Er zieht die Schuhe aus, bevor er auf sie eintritt. Das Verfahren wird aus Nichtigkeit eingestellt. “Ich suchte Schutz beim Täter, weil ich bei der Polizei nichts wert war.” Wiedemann kommt nach Braunschweig und wird nach einem Auftritt nachts auf der Straße gemeinsam mit einem Bekannten, der sie nach Hause begleitet, brutal vom Täter zusammengeschlagen. “Er entscheidet, ob ich lebe oder sterbe.” Die Braunschweiger Polizei wird tätig. Für Ingo Zupp und sein Team ist Wiedemann fortan keine Nummer, kein Aktenzeichen mehr, sondern ein Mensch, der Hilfe braucht. Endlich bekommt sie Hilfe. Endlich hört ihr jemand zu. Dennoch geht sie weiter durch die Hölle. Zu sehr begrenzt das System ihre Möglichkeiten. Sie gelangt an einen Richter, der nicht neutral, sondern als ihr Ankläger agiert. Zeugen des Vorfalls wurden zuvor wieder ausgeladen. Letztendlich wird gegen den Täter Haftbefehl erlassen. Das war Anfang 2016. In einem Jahr kommt er wieder raus.

“Bis heute schaffe ich es nicht ohne Antidepressiva durch den Tag.” Bis heute wacht Wiedemann jede Nacht um 3 Uhr auf, verfällt bei jedem Klopfen in Panik und hat die Klingel abgestellt und ihr Handy auf lautlos. “Menschen und Geräusche machen mir Angst”. Ungewiss ist, was nach der Freilassung kommt. Wiedemann wird ihren Beruf aufgeben – schweren Herzens, denn sie ist Schauspielerin aus Leidenschaft. “Ich habe nicht lebenslänglich verdient.”

Geschauspielert ist dieser Vortrag nicht. Er ist echt, kommt direkt aus dem Herzen. Um nicht die Fassung zu verlieren, flüchtet sie sich manchmal in prosaische Sprache. Sie macht sich bewusst klein, um anderen Frauen zu helfen. Wenn sie nur eine Frau erreichen würde, die anfängt zu sprechen oder einen Polizisten, der bei einem Fall zweimal hinguckt, hätte sie gewonnen. “Der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt, und manchmal kann man nur losgehen, wenn einem jemand die Hand reicht und zur Seite steht, zeigt, dass nur vorwärts eine Richtung ist, dass aufstehen und weitergehen sich lohnt. Auch wenn man selbst kein Ziel mehr sieht.”

Danke Eva Wiedemann.